Zur Situation


 

 

Es ist Hochsommer und die Hitze ist enorm. Trotzdem haben Sie eine Radtour über Land gemacht und Ihnen ist sehr heiß. Und dann ist da dieser Straßenbaum. Sie halten in seinem Schatten an und es umfängt Sie eine erfrischende Kühle.


Im Herbst, wenn seine Früchte reif sind, spendet der Baum außer Schatten auch noch Erfrischung.

 

Viele dieser Straßenbäume im Kreis Soest sind alte regionale Obstsorten, ein Erbe unserer  Vorfahren. Wenn wir sie nicht schätzen und erhalten, gehen sie langsam unwiderruflich verloren. Es liegt jetzt in unserer Verantwortung, sie zu pflegen und zu bewahren.

 

Seit Jahren ist zu beobachten, dass immer mehr Straßenbäume an Straßen und Wegen unseres Kreises verschwinden. An den dann verbleibenden Stubben kann man meist nicht nachvollziehen, warum die Bäume gefällt worden sind, da sie oft keinerlei Makel aufweisen. Die Begründung der Behörden ist meist „Verkehrsicherungspflicht.“ Doch ist eine Fällung immer notwendig? Man kann den Eindruck gewinnen, dass hier manchmal zu schnell gefällt wird.


 

 

Resolution des Landschaftsbeirates

 

Auch von öffentlicher Seite wurde mittlerweile diese negative Entwicklung erkannt und ein zwingender Handlungsbedarf formuliert.

 

(Auszug aus der Resolution des Landschaftsbeirats des Kreises Soest vom 11. April 2011):

 

"In der Soester Börde sind in den letzten Jahrzehnten die meisten alten Straßen-Obstbäume, die diese Landschaft früher so bereichert haben, beseitigt worden. Dabei handelt es sich hierbei oft um alte Regionalsorten, deren Verlust auch aus kulturhistorischen Gründen sehr zu bedauern ist.                                                               

Der Landschaftsbeirat fordert deshalb alle Straßenbaulastträger auf, bei der Prüfung, ob ein Baum zwingend aus Verkehrssicherungsgründen gefällt werden muss, einen äußerst strengen Maßstab anzulegen. Eine Baumfällung ohne entsprechende Nachpflanzung darf es nicht geben...“

 

Im weiteren Verlauf der Resolution fordert der Landschaftsbeirat, dass die betroffenen Behörden im Kreis Soest diese Resolution ihren intern zuständigen politischen Gremien (z.B.Umweltausschüssen) vorlegen, um eine möglichst breite Diskussion und Unterstützung zu erreichen.


 

Die Praxis

 

Aber wie sieht es in der Praxis aus? Wird diese Resolution in der Praxis auch umgesetzt? Die Tatsachen sprechen eine andere Sprache.

 

Ein Beispiel: Allein auf dem ca. einen Kilometer kurzen Stück der Kreisstraße K2 zwischen Flerke und Meyerich wurden im Winter 2010 / 2011 acht alte Obstbäume gefällt  (Geodaten und Fotos der Bäume sind aufgenommen). Bei einem Gesamtbaumbestand von 48 Bäumen an der K2 macht das ca.17 % aus. Der Gesamtbaumbestand von 48 Bäumen bezieht sich auf das Jahr 2011. Es wurden also nur in diesem einen Winter 17 % der Straßenbäume an der K2 gefällt.

 

Die Fachliteratur besagt, dass es äußerst unwahrscheinlich ist, dass viele Bäume direkt nebeneinander oder in direkter Nähe zueinander die gleichen Fehlersymptome aufweisen, da Bäume Individuen sind und unabhängig voneinander aufwachsen. Die Fällungen an dieser Straße stehen im Widerspruch zu den Aussagen der Fachliteratur.

 

Die Gemeinde Schöneiche bei Berlin verfügte 2008 über 14.400 Bäume auf öffentlichen Flächen. Zu dieser Zeit wurden dort jährlich 150 bis 200 Bäume aus Gründen der Verkehrssicherheit und der Bestandspflege gefällt, was einem Prozentsatz von 1,5% entspricht (zu finden unter www.ls.brandenburg.de downloads Tagungsband Alleenforum Ostbrandenburg 2008 ).

 

Wenn man bei der Stadt Hamburg nachschaut, erfährt man ähnliche Werte. Somit stehen 1,5%  gegen 17 % gefällte Bäume. Diese 17% beziehen sich zwar nur auf eine Straße. Wenn man aber den aktuellen Bestand der Straßenbäume im Kreis Soest mit dem eines älteren Luftbildes aus dem Internet vergleicht (z.B. TIM-online, Ecosia, Google etc.), wird man feststellen, dass die Zahl der Bäume erschreckend abgenommen hat - und dies auf praktisch alle Straßen und Wegen im Kreis Soest.


 

Behörden

 

Wenn man sich als Bürger für öffentliche Belange interessiert und Kontakt zu den zuständigen Behörden aufnimmt, kann man erleben, abgespeist und abgewimmelt zu werden. Es entsteht der Eindruck, dass es sich hier um private Liegenschaften handelt, die unter Ausschluss der Öffentlichkeit verwaltet werden. Dabei geht es hier doch eindeutig um öffentlichen Besitz, der von den zuständigen Stellen zum Wohl der Allgemeinheit verwaltet werden muss. In den Verwaltungen gibt es natürlich auch den aufgeschlossenen, kooperativen Mitarbeiter, der in jeder Weise seinem öffentlichen Auftrag gerecht wird, mit dem man aber leider nichtimmer zu tun hat.


 

Aus unseren langjährigen Beobachtungen und unseren Erfahrungen mit den Behörden drängt sich uns die Frage auf, ob die zuständigen Stellen die Straßenbäume wirklich wollen. Der Prozess ist schleichend: Winter für Winter werden einzelne Bäume gefällt, so dass der Baumschwund fast unmerklich voranschreitet. Manchmal werden aber auch ganze Baumreihen auf einmal gefällt. An vielen Stellen sind sie bereits verschwunden.  

 

Neuanpflanzungen waren über Jahre hinweg nicht spürbar, sind in letzter Zeit erfreulicherweise, wenn auch nur vereinzelt, zu beobachten. Die Lücken in den Baumreihen und Alleen, die über Jahrzehnte entstanden sind, werden durch die Zahl von Neuanpflanzungen bei weitem nicht aufgefüllt. 


Welche Folgen hat es, wenn ein Baum beschädigt oder unrechtmäßigerweise gefällt wurde? Wird hier mit zweierlei Maß gemessen?  

 

Wenn eine Privatperson einen auf öffentlichem Grund stehenden Baum beschädigt, muss sie damit rechnen, für den Schaden finanziell aufkommen zu müssen. So wurde der trauernden Mutter eines jungen Mannes, der bei einem tragischen Unfall mit einem Straßenbaum kollidierte und dabei ums Leben kam, kurz nach der Bestattung eine Rechnung mit einer Forderung für die Beschädigung des Straßenbaums zugeschickt!  

 

Andererseits werden durch öffentliche Bedienstete oder durch beauftragte Firmen beim Mähen der Seitenstreifen oder bei Instandhaltungsarbeiten von Straßengräben Bäume (öffentliches Eigentum) beschädigt. Bei näherer Betrachtung ist dies im gesamten Kreisgebiet vielfach festzustellen. Wer kommt für diese Schäden auf?   

 

Es ist uns an dieser Stelle wichtig, darauf hinzuweisen, dass es auch Mitarbeiter gibt, die achtsam mit den Straßenbäumen umgehen und deren Arbeit wir schätzen. 

 

Für die Zukunft erforderlich ist eine bessere Vernetzung aller Einzelstellen der öffentlichen Verwaltung. Es kann nicht angehen, dass im Verantwortungsbereich der einen Behörde die Vernichtung einer alten Kulturlandschaft betrieben wird, während eine zweite Behörde ein Tourismuskonzept entwickelt, das hauptsächlich auf den Säulen Radfahren und Wandern beruht, was bekanntlich am besten in einer intakten, reich strukturierten Kulturlandschaft ausgeübt werden kann. Der Nutzen durch den Tourismus übrigens ist enorm: Allein 2009 brachte er einen Umsatz von 432 Millionen Euro in unser Kreisgebiet und ist damit ein wichtiger Wirtschaftsfaktor der Region.


 

 

Lebensräume und ökologische Bedeutung

 

Aber nicht nur aus touristischen Gründen sollte die Landschaft in Richtung Ökologie, Struktur- und Artenreichtum entwickelt werden. Das Entfernen von Bäumen, Sträuchern und Hecken in unserer stark agrargeprägten Landschaft hat gravierende Auswirkungen auf die Tier- und Pflanzenwelt, für die Straßenbäume, Randstreifen, unbefestigte Wege und Hecken zwischen den Feldern, sofern sie überhaupt noch existieren, einen wichtigen Bestandteil ihres Lebens- und Rückzugsraumes darstellen. Bestandsaufnahmen von Ornithologen bestätigen, dass die Populationen von Feldlerche, Wiesenweihe und Wachtelkönig seit Jahren rückläufig sind. Die Grauammer steht vor dem Aussterben.

 

Ein weiterer dramatischer Bestandsrückgang ist auch beim Kiebitz zu verzeichnen. Sein Bestand ist im Kreis Soest in den letzten 16 Jahren um mehr als 50% eingebrochen. Er ist zwar kein direkter Nutzer von Straßenbäumen, doch sein Bestandsrückgang macht deutlich, dass sich Landwirtschaft zu Agroindustrie entwickelt, mit großem Einsatz von Chemie und Giften und möglichst großen Feldern. Deshalb haben öffentliche Flächen wie Wege, Straßenränder etc. eine so hohe Bedeutung und entsprechend auch der verantwortungsvolle Umgang mit ihnen.

 

Bäume und Sträucher spielen auch bei der Produktion von Sauerstoff eine wichtige Rolle. Dabei ist zu beachten, dass alte Bäume um ein Vielfaches mehr Sauerstoff produzieren als junge. Alte Bäume zu fällen und junge nachzupflanzen stellt also ein Minus in der Umweltbilanz dar. Schon deshalb ist es wichtig, möglichst viele alte Bäume zu erhalten.

  

 

Andere Ansätze

 

Andere Städte, Kreise und Gemeinden haben einen anderen Umgang mit ihren Bäumen, Sträuchern und öffentlichen Flächen. Auch der Kreis Soest hat das Potential und die Chance, sich um eine ökologische Veränderung zu bemühen, wenn es denn politisch gewollt würde und die Verwaltung das dann auch in diesem Sinne umsetzen würde. Der Kreis Soest würde damit ein positives Profil gewinnen.

 

Konzepte, die man umsetzen könnte, sind vorhanden. Beispielsweise die Studie Verkehrssicherheitsgrün von Polizeidirektor Gerhard  Anhäuser, in der es um die Erhöhung der Sicherheit im Straßenverkehr geht. Erreicht werden soll das durch Anpflanzung von Sträuchern und Bäumen im Verkehrsraum, von denen fahrpsychologische Wirkungen auf die Verkehrsteilnehmer ausgehen. Die Studie ist erstaunlicherweise wenig bekannt und würde bei konsequenter Anwendung im Kreis ein Plus für die Landschaft und die Verkehrssicherheit bedeuten.


 

Die Öffentlichkeit einbeziehen

 

Dringend erforderlich ist ebenfalls eine bessere Information des interessierten Bürgers über Prozesse, bei denen Bäume aufgrund von Gefährdungen oder anderen Gründen gefällt werden sollen. Hier macht z. B. Dortmund vor, wie es auch im Kreis Soest funktionieren könnte. Wenn in Dortmund ein Baum gefällt werden muss, wird er Wochen vorher mit einem gut sichtbaren, orangen Plastikband gekennzeichnet, auf dem nachzulesen ist, was geplant ist. Durch die auf dem Band angegebene Telefonnummer des zuständigen Amtes kann man nähere Informationen erhalten. (Beispielfotos siehe unten)

 

Zum Umgang mit dem mündigen Bürger zählt auch, dass Fäll- und Pflegemaßnahmen, die jedes Jahr vor der Saison von den verschiedenen Behörden geplant werden und schon Monate vor Saisonbeginn beschlossen werden, zentral im Internet und der Zeitung so rechtzeitig bekannt gegeben werden, dass eventuelle Einwände Berücksichtigung finden können. Zu den Pflichten der Behörden im Umgang mit den Bürgern zählt ebenso, dass transparent und deutlich nachvollziehbar aufgezeigt wird, wie Stammholz und Schnittgut vermarktet werden und wie ein Missbrauch dessen verhindert wird.

 

strassenbaum e.V. wünscht die sorgsame Pflege und Erhaltung der bestehenden Bäume und lehnt ein vorschnelles unberechtigtes Fällen ab.

 

Eine Verwaltung, die im öffentlichen Dienst steht, sollte geeignete Mechanismen entwickeln, um der Aufgabe des Erhaltes der Straßenbäume gerecht zu werden.

 

strassenbaum e.V.

 

 

 

Informationen über geplante Baumfällungen der Stadt Dortmund. Foto: St. Wollweber

 

 

Foto: St. Wollweber